Nun wenn man schon mitten in der Woche mit Party angefangen hat, sollte man das durchziehen und die Gelegenheit dazu bot sich idealerweise in Neuenburg wo sich am Freitag «Rue Oberkampf» und «Potochkine» im Case à Chocs die Ehre gaben.
Der Besuch der Schokoladenschachtel war schon seit Wochen
beschlossene Sache und ein Ticket dafür schon im letzten Jahr gesichert, dies
ist insbesondere dem Umstand geschuldet, dass mich «Rue Oberkampf» am schwarzen
Ball im X-Tra dermassen überzeugt haben, dass ich die Band unbedingt nochmals
sehen wollte.
Da Neuenburg, ab Bern nicht ganz ab der Welt liegt, hat sich das auch sehr gut
für dieses Vorhaben angeboten, zumal ich “Neuche“ aus meiner Jugendzeit,
partytechnisch in bester Erinnerung hatte. Mittlerweile sind aber Jahre ins
Land gezogen und Neuenburg fernab meiner Partydestinationen gerückt, so dass
ich seit sicher 20 Jahren nie mehr in dieser Region verweilte.
Also höchste Zeit das zu ändern und dem Case à Chocs einen Besuch abzustatten.
Diese Location war bisher ein schwarzer Fleck auf meiner Partylandkarte,
obschon wie ich durch Recherche erfahren konnte, seit 1991 existierend. Ursprünglich
in den damals brachliegenden Hallen der Schokoladenfabrik Suchard angesiedelt,
von daher auch der Name, war das Chocs auf Drängen der Vereinigung Neuenburger
Musiker, welche Proberäume forderten, an eben dieser Stätte entstanden. 1996 war
dann eine Umsiedelung angesagt, wobei sich dafür das Gebäude der ehemaligen
Brauerei Müller anerbot.
Das Gebäude mit industriellem Erscheinungsbild umfasst zwei Konzertsäle, wobei
der Grössere 750 Gästen, okay mit einer guten Portion Öl sollte das passen, und
der kleinere (Queen Kong Club), welcher sich in den Silos der Brauerei befindet,
100 Nasen Platz bietet. Zudem ist im obersten Geschoss, im ehemaligen Kühlraum,
das Restaurant Interlope untergebracht. Weiter finden Bands dort 14 Proberäume,
zusätzlich ist ein Kino, ein Puppentheater, die Schreinerei der Neuenburger Museen,
sowie ein Handwerkerdorf in den Hallen und Räumen untergebracht. (Quelle
Wikipedia)
In den Tagen zuvor hat sich noch eine wunderbare Begleitung
an meinem Vorhaben beteiligt, so dass ich bei der Anreise aus der Innerschweiz
noch kurz in Solothurn Halt machte, um das charmante Wesen aufzugabeln.
Da sich die Türen der Konzertstätte erst um 23:00 öffneten, was doch auf eine
ziemlich ausgedehnten Nachtausflug hindeutete, haben wir beschlossen frühzeitig
und gemütlich anzureisen und uns vor Konzertbeginn noch an einem chilligen Ort
niederzulassen und uns verbal austauschend, bei einem Getränk dem Konzertbeginn
anzunähern.
Die chillige Stätte fanden wir, zugegeben nach einigen Umwegen, in und um
Neuenburg, letztendlich im Interlope im Chocs.
Wow wie Geil ist denn diese Location! Man fühlt sich 30 Jahre in der Partyszene
zurückversetzt, als Partys oftmals in alten brachliegenden Industriegebäuden
ausgetragen wurden und auch im Restaurant kam ich aus dem Staunen, ob der
unzähligen, wunderbar arrangierten, Accessoires kaum mehr heraus.
Während der Wartezeit gesellten sich noch ein paar weitere Freunde zu uns und
ebenfalls waren in Zwischenzeit auch einige andere bekannte Gesichter
aufgetaucht.
Da Zeit die Eigenschaft aufweist, unaufhörlich
voranzuschreiten, war dann auch mal 23:00 Uhr und so begaben wir uns an die
Stätte der Vorführung, wobei wir vorgängig noch einen Umweg, über mehrere Treppen,
welche doch einige Aufmerksamkeit erforderten, um nicht rutschend dem Erdgeschoss
entgegen zu segeln, bis vor die Tore des Gebäudes in Kauf nehmen mussten um dort
einen Vorderarm füllenden Stempel zu fassen, der uns zum Einlass berechtigte.
Auch der Konzertsaal war vom allgemein vorherrschenden industriellen Charakter
geprägt und mit diversen Kunstwerken optisch aufgewertet. Die Bühne war gut
erhöht, was eine tolle Sicht auf die Protagonisten versprach, auch wenn man sich
nicht direkt vor dieser aufstellte.
Dies verleitete mich dazu, dem Konzert aus einiger Distanz zur Bühne zu folgen
um wie gewohnt den klanglichen Aspekt aufzuwerten.
Um 23:30 Uhr betraten dann wie angekündigt Julia de Jouri und Oliver Maier ihren Arbeitsplatz und legten sogleich dermassen los, dass ich keine weitere Sekunde stillstehen konnte und ihre Darbietung mit ausfallendem Tanz zelebrierte. Ich finde es immer faszinierend, wie Julia es trotz einer gewissen Verhaltenheit oder gar Kühlheit schafft, das Publikum in Ihren Bann zu ziehen. Ich denke aber es ist genau dieses Kokettieren, welches fasziniert und dem Publikum Raum für Interpretationen lässt. Sehr cool! Sie beherrscht dieses Spiel, welches sie zwar auf den ersten Blick etwas unnahbar erscheinen lässt, durch ihre gezielten, dem Publikum zugewandten Blicken, dieses aber auffordert ihr zu folgen und so eine einmalige Bühnenpräsenz aufbaut. Faszinierend und selten so gesehen. Oliver widmete sich derweil der Elektronik, wobei er sich dem jeweiligen Beat entsprechend bewegte, allerdings in einer ähnlichen Art wie Julia, auch eher kühl bleibend. Aufgewertet wird die Show jeweils mit der Lichtpyramide, welche sich mittig im hinteren Teil der Bühne, den jeweiligen Liedern anpassend, manchmal in einer Form und Farbe verharrend, oftmals auch im Takte wechselnd, als zentrales Element manifestiert, wobei diese eher der Bühnenshow als der Lichtshow unterzuordnen ist, eigentlich eher minimalistisch aber mit einer unglaublichen Wirkung.
Die Abfolge der Songs habe ich nicht mitgeschnitten, allerdings fühlte sich diese absolut passend an, «Rue Oberkampf» schöpften aus ihrem Repertoire, über Genre und Sprachgrenzen hinweg, entführten sie das Publikum in die Tiefen wunderbarer Klänge entlang der Dunkelheit. Ich finde es toll wie die Band das Spiel mit den Tönen beherrscht und dadurch den Songs eine einmalige Faszination verleihen, denn irgendwo sind die Songs zwar vorhersehbar, und doch bauen sie immer wieder Elemente ein, die so nicht ganz zu erwarten sind, allerdings immer passend und ohne den Flow des Liedes zu stören und sehr oft werden diese Elemente auch zu einem tragenden Teil, respektive entführen das Lied in ungeahnte Sphären. Hinzu kommt die Stimme von Julia, vielleicht nicht die kräftigste, aber mit einer Reinheit und absolut präziser Treffsicherheit, wobei live in keinem Fall der Konserve nachstehend, einfach wunderbar.
Übrigens habe ich oben das Genreübergreifend angesprochen, denn es ist gar nicht so einfach die Band da irgendwo konkret einzuordnen, aber dazu hat die Band, ist zwar schon einige Jahre her, mal selber einen Versuch unternommen, der lautet: “ColdEBMigerTechnoPunkWave“ oder ihre Musikbeschreibung, vom Genre losgelöst: “Disco in Twin Peaks“, dies hab ich übrigens wieder mal von «schwarzesbayern.info» geklaut und mit einem Klick auf den Link, könnt Ihr den gesamten Artikel zu Gemüte führen, wobei aber die Seite, leider immer noch keine sichere Verbindung zulässt.
Danke «Rue Oberkampf» und immer gerne wieder, sowohl Live als auch ab Konserve und sicher auch oftmals in mein DJ-Set eingebunden.

So nun war mal etwas Frischluft angesagt, denn auch an diesem Abend wurde meine Nase mit den vorherrschenden Gerüchen nicht gerade verwöhnt, denn anscheinend ist in gewissen Kreisen Duschen und frischmachen nicht mehr trendy oder aber die alternativen Erfrischungs- und Waschmethoden nicht ganz so wirksam.
Da der Abend, respektive die Nacht, doch schon fortgeschritten
und ich nach mehrtägigem Konzertbesuch bis spät in die Nacht sowie dem Wissen
dass ich noch zwei Stunden Autofahrt vor mir habe, offen war auch mal ein Konzert
sausen zu lassen, falls nicht zusagend, haben wir uns entschieden bei «Potochkine»
zwar reinzuhören, allerdings nicht auf Teufel komm raus bis zum Ende
auszuharren.
Aber wie sagt man so schön: “und erstens kommt es anders und zweitens als man
denkt!“
Ab dem ersten Erscheinen und den ersten angeschlagenen Tönen von «Potochkine»
war mir klar, da gehe ich nicht vorzeitig raus!
Ich weiss nicht so recht wo ich mit der Beschreibung beginnen soll, nun ja
versuchen wir es mal so; ab dem ersten Ton war ich ab den angeschlagenen Beats
hin und weg, obschon das erste Lied noch eher zu den langsameren zählte. Und
dann diese Erscheinung auf der Bühne, auf der linken Seite Hugo Sempé, welcher da
eine recht üppige Elektronik zu bedienen hatte und auf der rechten Seite Pauline
Alcaïdé, welche sich um die gesanglichen Elemente kümmerte, dies aber in
ungewohnter Weise, zwei Mikrofone bedienend, wobei das eine ihre Stimme mit
starkem Hall- und wohl noch etwas zusätzlich zwischengeschalteten Effekten an
die Lautsprecher übertrug, wogegen über das zweite, ihre Stimme unverfälscht, okay
vielleicht mit einer homöopathischen Dosis Hall um die Stimme natürlich klingen
zu lassen, dem Publikum zugetragen wurde. Ja und diese Stimme über mehrere
Oktaven hinweg, teilweise fliessend übergehend, mit den beiden Mikrofonen
spielend um ohne Unterbruch zwischen verzerrter und klarer Stimme zu wechseln, oftmals
auch über beide Mikrofone gleichzeitig, immer aber treffsicher, mal flüsternd,
mal leise und sinnlich, um im nächsten Moment zu explodieren und das mit einer
Kraft, dass ich mal annahm, dass da eine gesangliche Ausbildung zu Grunde liegt.
Und wenn auch die Stimme mich schon so ziemlich flashen konnte, haute mich ihre
theatralische Darbietung auf der Bühne vollends um. Pauline erinnerte an ein
Duracell-Häschen, hüpfend, tanzend, über die gesamte Bühne springend, dann
wieder ruhig, mit ihren langen Haaren spielend, das Publikum mit Gesten
animierend und dazu singend ohne auch nur einen falschen Ton… WOW!
Ihr gegenüber brauchte sich aber auch Hugo nicht zu verstecken, klar war sein
Radius technikgebunden doch etwas eingeschränkt, allerdings seine Gestik gegenüber
Pauline kaum nachstehend.
Zugegeben ein solches Feuerwerk habe ich selten erlebt, zumal mir ihre Songs
mehr als nur zusagten, was auch meine Beine mit ausgiebigen Tanzschritten zu
unterstreichen vermochten. Theoretisch war die musikalische Darbietung so
ausgelegt, dass ich normalerweise innert
kürzester Zeit “abgespaced“ wäre und nur noch der Musik folgend, tanzend in eine
eigene Welt eingetaucht. Hier aber hat mich die Darbietung welche auf der Bühne
geboten wurde Grossteiles davon abgehalten, den Blick von den Protagonisten zu wenden,
was zu einer, für mich neuen Dimension des eigentlich bekannten Trance
ähnlichen Zustandes geführt hat, denn bisher war da der visuelle Eindruck, wenn
den vorhanden, doch sehr verschwommen.
Pauline verstand es dermassen die Lieder nicht nur zu singen, sondern erzählt
diese mit ihrer Darbietung förmlich, so dass diese, trotz fehlendem
Sprachverständnis, erlebbar wurden. Himmel, wann hab ich den sowas schon mal
erlebt, kann mich nicht erinnern, jemals ein solches Feuerwerk über ein ganzes
Konzert erlebt zu haben.
Rund eine Stunde haben die beiden die Halle gerockt und das Publikum dankte
dies mit lautstarkem Applaus und feierte die Darbietung entsprechend, so dass
nach Ende des Pflichtteils noch eine Zugabe angesagt war.
Merci, merci, merci! «Potochkine» ihr habt dafür gesorgt, dass dieser Abend für mich unvergessen bleibt und ja auf jeden Fall, gerne und oft wieder! Und den Beats nach zu urteilen, ist euch ein Platz in meinen zukünftigen Sets schon fast sicher.

Nach diesem Abend war ich dann doch sehr gespannt, was sich
über die Band herausfinden lässt, zumal ihre Darbietung ein tiefgründigeres
Fundament vermuten lässt und so war ich dann nur wenig überrascht ab dem
Umstand, dass die beiden ursprünglich dem Theater entstammen und das gemeinsame
musikalische Abenteuer den weiteren Weg daraus darstellt, sowas in der Richtung
war schon zu erahnen. Denke, dass da eben auch von dieser Stelle her, eine
gesangliche Ausbildung vorhanden ist, wobei dies nicht explizit in Erfahrung zu
bringen war.
Übrigens kommen die beiden anscheinend aus der Region Marseille, wobei
ich bei der zugrundeliegenden Quelle nicht ganz sicher bin, ob man dem trauen
kann, aber Frankreich ist sicher nicht falsch, zumal dies von der Band selbst
behauptet wird.
«Potochkine» ist seit 2016 musikalisch unterwegs und hat doch schon einige
Festivals der dunklen Gemeinde mit ihrem Auftritt beehrt und dies beinahe
weltweit, also höchste Zeit, dass auch ich die Band kennen lernte und dass ich
die beiden gleich in mein musikalisches Herz schloss, sehe ich da als Bonus an,
dass mir die beiden auf meiner musikalischen Landkarte bisher nicht begegnet
sind.
Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wie der Name der Band entstanden
ist, tönt aber toll und passt sehr gut zur Band.
Glücklicherweise hatte ich und auch meine Begleitung noch etwas Geduld, bis Pauline am Merch Stand auftauchte, so dass ich noch etwas Vinyl mit nach Hause schleppen und insbesondere auch mit Pauline etwas auf Tuchfühlung gehen konnte, eine wunderbar herzliche Person, absolut nahbar und doch auch eine ziemliche Augenweide.
So und nun noch kurz zur Technik, welche bisher unerwähnt
blieb.
Sowohl Ton- als auch Lichttechnisch hat die Location ziemlich was zu bieten,
die PA ist in der Lage das Publikum mit ziemlichem Nachdruck zu beschallen,
wobei mir aufgefallen ist, das die gesamte Anlage im Mono-Betrieb gefahren
wird, was dem Sound doch etwas die Breite nimmt und je nach Standpunkt jeweils
nur, entweder die linke oder rechte Box zu hören war, einzig wenn man sich
genau in der Mitte der beiden Lautsprecher aufgestellt hat, waren beide Seiten
zu vernehmen, eigentlich schade, weil schon eine leichte Kanaltrennung den
musikalischen Raum erweitern würde, zumal die Anlage dazu durchaus in der Lage
wäre. Aber wer weiss, vielleicht hat die Tontechnik da ja ihre Gründe, welche
sich mir nicht erschliessen. Dafür war klangtechnisch ansonsten nichts zu
meckern, die Bässe äusserst knackig, die Mitten wohlwollend und die Hochtöne
präzise und sehr differenziert.
Ja und eben auch das Licht, da gibt es nun aber gar nichts zu meckern, was da
an Lichtshow geboten wurde, war schon fast einmalig für eine entsprechende
Location, zum einen von den zahlreich verbauten Lichtelementen als auch
betreffend der Bedienung durch den Lichttechniker, Prädikat absolute
Spitzenklasse und wieder mal einen Moment den bekannten Hut zu ziehen, wenn ich
dann an diesem Abend einen aufgehabt hätte so konnte ich mich halt nur verbal bedanken
und die Arbeit würdigen.
Jetzt war wie schon erwähnt, noch ein zweistündiger Heimweg mit Zwischenhalt in Solothurn angesagt, wobei der dicht hängende Nebel nicht grad begünstigend wirkte und die Fahrt in den frühen Morgenstunden doch ziemlich anstrengend machte. Aber alles in allem gut angekommen und somit eine absolut wunderbare Nacht, nach der ich doch eher in einen Komatösen Zustand verfiel, als dass man da von Schlafen sprechen konnte. Ja und Erholung war auch dringend nötig, da am Samstagabend noch ein weiteres Konzert anstand, doch dazu später mehr.
Vielen Dank fürs Lesen und bis in Bälde wieder.